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Fleisch in der Post-Truth-Ära

Die öffentliche Meinung wird stets mehr durch Gefühle und Meinungen als durch objektive Fakten beeinflusst.  Wir sind in der postfaktischen Zeit oder der „Post-Truth-Ära“ angelangt, in der Sensationstrends hoch im Kurs stehen. Prof. Leroy hat den Impakt dieser Entwicklung auf das Fleischimage untersucht, das durch die Massenmedien zum Spielball zwischen den Fleischbefürwortern und der Anti-Fleischlobby mutiert ist.

1310 Nachrichten

Die Forschungsgruppe von Prof. Leroy hat kürzlich eine neue Studie über den Stellenwert von Fleisch in der Post-Truth-Ära veröffentlicht. Als Ausgangspunkt dienten Debatten in den Massenmedien über Gesundheit und Krankheit.  ‘In unserer Forschung haben wir uns auf Berichte von MailOnline basiert, der im internationalen Vergleich wohl meist besuchten Online-Nachrichtenplattform. Als Zeitraum wählten wir die Periode von 2001 bis 2015; die Nachrichten datieren also aus der Zeit nach der BSE-Krise‘, erklärt Prof. Leroy. ‘Wir haben alle Berichte mit dem Schlagwort ‘Fleisch’ in der Kategorie ‘Gesundheit‘ unter die Lupe genommen.  Insgesamt haben wir 1.310 Nachrichten untersucht, die in die drei Kategorien positiv, negativ oder neutral eingestuft wurden.‘

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Aus globaler Sicht wurden 52 Prozent der Nachrichten negativ, 35 Prozent positiv und 13 Prozent neutral bewertet.  ‘Auffallend war die Verwissenschaftlichung der Artikel’, schildert Prof. Leroy.  ‘So verwies die Hälfte der Beiträge auf eine wissenschaftliche Quelle, wie ein offizielles Gesundheitsinstitut, eine Forschungseinrichtung oder eine spezifische wissenschaftliche Studie.  In 18 Prozent der Fälle wurde sich auf Lebensmittelredakteure, Heilpraktiker oder Hebammen berufen.  Bei 14 Prozent der Beiträge wurden undeutliche Angaben bezüglich der Nachrichtenquelle gemacht und bei 18 Prozent der Beiträge wurde komplett auf eine Quellenangabe verzichtet.‘

Fleisch als Kraft-, Vitalitäts- und Fruchtbarkeitsquelle

‘Die Beiträge, die positiv bewertet wurden, konnten in zwei Gruppen aufgeteilt werden. So gab es Berichte, die nach einem Vorfall, wie z. B. BSE oder der Vogelgrippe, oder der Assoziation zwischen Rotfleisch und Krebs beruhigend auf die Verbraucher wirkten.  Darüber hinaus lieferte auch das Comeback der Atkins-Diät, in der Fleisch eine essentielle Rolle spielt, positive Nachrichten für tierische Proteine. Unsere Forschung unterschied nach den wichtigsten Themen, die bei diesen Pro-Fleisch-Beiträgen aufgegriffen wurden, nämlich Kraft, Vitalität und Fruchtbarkeit‘, fasst der Professor zusammen.  ’In der Kategorie ‘Kraft‘ verwiesen die Artikel oft auf allgemeine Gesundheit und Wachstum; dabei standen insbesondere Kinder im Fokus.  Darüber hinaus wurde Fleisch vielfach als wichtiger Baustein für eine gute mentale Gesundheit, Fitness und Vitalität genannt. Sowohl bei Männern als bei Frauen wurde Fleisch oft mit einer guten Fertilität assoziiert.  Last but not least wurde der Fleischkonsum in den Beiträgen als natürlich und normal betrachtet.‘

Negative Berichte schüren Angst

‘Auffallend ist die Interaktion zwischen negativen Nachrichten und positiven Berichten‘, fährt Leroy fort.  ’So greifen Kritiker die Atkins-Diät an, um Fleisch in ein negatives Licht zu rücken. Auch machten Ereignisfälle in der Nahrungsmittelbranche oder Forschungsergebnisse in Bezug auf Fleisch und Gesundheit negative Schlagzeilen. Insbesondere chronische Krankheiten, wie Krebs oder Herz-  und Gefäßkrankheiten wurden mit dem Fleischverzehr in Verbindung gebracht; dabei wurden sie auf eine Stufe mit Rauchen oder Asbest gestellt.  Pro-Fleisch-Argumente wurden ebenso widerlegt.  So wurde propagiert, dass Fleisch einen negativen Impakt auf den Gemütszustand und die Fruchtbarkeit habe. Solche Berichte schürten Angstgefühle bei den Verbrauchern und waren u. a. von Tierschutzorganisationen gesteuert, die über die Massenmedien für Verwirrung sorgten‘, so Leroy.

Der Mangel an eindeutigen wissenschaftlichen Studien sorgt dafür, dass die Leser durch zwei total gegensätzliche Botschaften verwirrt werden.

Prof. Dr. Ir. Frédéric Leroy

Fleischbranche versus Veggy-Lobby: Vertrauen wieder herstellen versus Verwirrung säen

‘Jedes Mal, wenn Fleisch negative Schlagzeilen machte, tauchten Berichte auf, um die Verbraucher zu beruhigen. Dabei wurden Diätisten, Ernährungswissenschaftler und andere Experten zitiert, um die Botschaft zu untermauern.  Gleichzeitig hat die Anti-Fleischlobby eine intensive Kommunikation betrieben.  Der Mangel an eindeutigen wissenschaftlichen Studien sorgt dafür, dass die Leser durch zwei total gegensätzliche Botschaften verwirrt werden. Zudem haben wir im Laufe der Jahre einen starken Trend zu längeren Headlines beobachtet, die auf den Sensationshunger abgestimmt sind‘, so Leroy.

Was sagt die Wissenschaft?

‘In zahlreichen wissenschaftlichen Berichten wird sehr oberflächlich mit Assoziationen und Risiken umgegangen.  Eine Assoziation bedeutet schließlich nicht, dass es einen Kausalzusammenhang gibt.  Trotzdem werden schwache Assoziationen zu oft missbraucht, um Fleisch in ein schlechtes Licht zu rücken.  Zudem stellt nicht jedes Risiko zugleich eine Gefahr dar’, erzählt Leroy.  ’Wir sollten daher eher in Termen von absoluter Gefahr als von relativen Risiken reden.  Dies dürfte einen wesentlich klareren Blick auf die effektive Gefahr eines bestimmten Produktes werfen.  Ein Beispiel: Wenn es in der Tat einen Kausalzusammenhang zwischen Darmkrebs und Fleischwaren geben sollte, dann heißt das, dass ein relatives Risiko von 18 Prozent zu einer Steigerung des absoluten Risikos, an Darmkrebs zu erkranken, von 5,5 auf 6,5 Prozent führt. Wir haben es hier also mit einer Steigerung des absoluten Risikos um wohlbemerkt einen Prozent zu tun.  Das ist deutlich weniger sensationell und vermittelt dem Verbraucher ein klareres Bild‘, illustriert Leroy.  Andere Studien basieren dann wiederum ausschließlich auf der Forschung bei Tieren und leiten viel zu leichtfertig einen Zusammenhang mit der Auswirkung auf die menschliche Gesundheit ab.‘

Die Gefahr des Cherry-Pickings

‘Zahlreiche Studien belegen, dass Fleisch perfekt zu einer gesunden Ernährung passt und dass es – was Krebs oder Herz- und Gefäßkrankheiten anbelangt - keine signifikanten Unterschiede zwischen Fleischessern und Vegetariern gibt.  Das Problem ist, dass sich die Massenmedien unter Einfluss der Anti-Fleischlobby zum Cherry-Picking verleiten lassen. Sie picken nämlich nur die Berichte und Studien heraus, die in ihr Konzept passen und ignorieren andere Forschungsergebnisse‘, konstatiert Leroy.  ‘Es liegt also auf der Hand, dass ein verzerrtes Bild abgegeben wird.  Zahlreiche Studien belegen allerdings, dass Fleisch kein erhöhtes Risiko darstellt oder sogar einen positiven Effekt bzw. eine Schutzwirkung hat.  Solche Studien bekommen leider kaum Aufmerksamkeit.  Es ist typisch für den Menschen, sich eher an einer guten Story,  Botschaft oder einem persönlichen Interesse zu orientieren statt an der Wahrheit‘, so Leroy.

Es ist typisch für den Menschen, sich eher an einer guten Story, Botschaft oder einem persönlichen Interesse zu orientieren statt an der Wahrheit‘

Prof. Dr. Ir. Frédéric Leroy

‘Die Debatte pro-aktiv angehen‘

Die Teilnehmer des Round Table waren sich einig, dass die Fleischbranche kaum auf Fake News reagiert. ‘Das ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass die europäische Fleischbranche sehr stark fragmentiert ist.  Zudem ist es auch einfacher, etwas Falsches zu erzählen, als zu beweisen, dass etwas falsch ist‘, weiß Leroy.  ‘Die Wissenschaft kann aber nicht von der Gesellschaft isoliert werden.  Es gilt, dafür Sorge zu tragen, dass die Stimme der Öffentlichkeit in die Diskussion einfließt, oder aber sie verstummt. Daher sollte die Debatte pro-aktiv angegangen werden‘, schließt der Professor.